Corona Krise – Freiwillige Isolation Tag 1

Fakten des Tages:

Erfolgte Schließung aller Bars und Clubs, Ankündigung des Shut Downs für Schulen und Kitas am Folgetag, Empfehlung der Kanzlerin zum Schutz anfälliger Mitmenschen soziale Kontakte zu meiden.

Berlin, Montag, der 16.03.20 – Wie wichtig ist schönes Haar in Zeiten von Corona?

Am gestrigen Abend habe ich auf Anraten einer guten Freundin zum ersten Mal seit Wochen die Tagesschau im Stream geschaut, da ich mein reguläres Fernsehen bereits vor zwei Jahren abgemeldet habe. Schlafe mit gemischten Gefühlen ein. Der Corona Virus dominiert die Nachrichten und drückt die dramatischen Zustände der Flüchtlingskrise auf Lesbos an den journalistischen Rand. Am Morgen klingelt der Wecker zwar erst um 7.30 Uhr, aber ich bin bereits seit 5.30 Uhr wach und habe wirre Träume über meinen Exfreund, der mich trotz nahendem Weltuntergang immer noch nicht gefragt hat, ob meine Tochter und ich ok sind.

Noch nicht ganz bei Bewusstsein werde ich von einem spontanen Gefühl des Kontrollverlusts überrollt. Erhalte noch im Bett eine E-Mail der Grundschule meiner Tochter und erfahre, dass ein mir wahrscheinlich unbekanntes Elternteil positiv auf den Virus getestet wurde und wir nun selbst entscheiden sollen, ob wir unsere Kinder heute noch vor der offiziellen Schließung am Dienstag in die Schule schicken möchten. Ich teile meiner Tochter mit, dass sie zuhause bleiben soll.

Die Firma, für die ich arbeite, hat bereits am Freitag entschieden, dass wir kollektiv ins Home-Office gehen. Mein Kollege schreibt im Gruppenchat, dass er alle Telefone umleiten wird und mir meinen Monitor, Mouse etc. nach Hause bringen wird. Ich fühle mich erschöpft und durcheinander. Persönliche Krisen kenne ich. Eine Krise, die die ganze Welt betrifft und mich zwingt in den eigenen vier Wänden zu bleiben, um mich und andere zu schützen, ist mir neu. Obwohl ich Neues eigentlich mag, bin ich zum ersten Mal ernsthaft verunsichert.

Da ich bisher Hamsterkäufe und generell überproportionale Einkäufe vermieden habe, entscheide ich mich bereits um 9.00 Uhr den REWE Markt an der Invalidenstraße aufzusuchen. Weil ich aber am Wochenende ohne Kind war und daher zu faul gewesen bin die üblichen Standardlebensmittel zu kaufen, lässt sich dieser Einkauf nicht länger verschieben. Die Erzählungen meiner Freunde über Panikkäufe bewahrheiten sich leider. Frische Lebensmittel sind vorhanden, es fehlen aber in den leeren Regalen: Aufbackbrötchen und Toastbrot, Konserven, Nudeln, Mehl, H-Milch und Toilettenpapier. Fast DDR-ähnliche Verhältnisse – für mich als Westkind zum ersten Mal erlebbar. Die junge Kassiererin rollt mit den Augen und stellt zur Diskussion wie sehr die Medien diesen negativen Hype befeuern. Ich stimme ihr wortlos zu und kaufe trotzdem mehr als ich wollte.

Zurück zuhause überlege ich noch weitere Geschäfte aufzusuchen, um doch noch das benötigte Toilettenpapier zu besorgen. Entscheide mich aber bis zum Folgetag mit Küchenrolle vorlieb zu nehmen. Eine spontane Erschöpfung überfällt mich und ich erlaube mir einen kurzen „Power-Nap“ gegen 13.00 Uhr, während meine Tochter in ihrem Zimmer via Facetime mit ihren Freundinnen über sinnvolle und unmögliche Kleidungskombinationen spricht und Zaubertricks übt, die sie mir am frühen Abend vorführen möchte. Ich falle in einen unruhigen Schlaf, der immer wieder vom Brummen des Corona-Live-Tickers, den ich unachtsam auf meinem Handy autorisiert habe, unterbrochen wird.

Am Nachmittag rufe ich meinen besten Freund an, der mit seinem Mann in den Niederlanden lebt. Sie haben sich in ihr Landhaus an der deutsch-niederländischen Grenze zurückgezogen, das im Fall der Apokalypse, eine unabhängige Wasserversorgung und Gemüse aus dem eigenen Garten gewährleistet. Wir verabreden, dass sie mich und mein Kind im „Worst case“ durch den Wald über die Grenze schmuggeln, falls diese geschlossen werden sollte. Ich öffne ein Flasche Crémant um 16.00 Uhr und wir wechseln zu seichteren Themen wie Männergeschichten und Sex in der Krise.

Sollte die Ausgangssperre kommen, gehöre ich zu den emotionalen Verlierern, da ich momentan keinen Lebenspartner habe. Vorausschauenderweise haben die Familie meines Ex-Mannes und ich aber den Pakt geschlossen, diese Zeit gemeinsam zu verbringen, um nicht kollektiv depressiv zu werden und uns im Notfall unterstützen zu können. Bereue kurz nie einen Waffenschein gemacht zu haben, um mich und mein Kind in meiner eigenen Wohnung auch ohne Mann beschützen zu können.

Mein bester Freund erzählt mir, dass seine Schwester, die in einer Beratungsstelle für Frauen arbeitet, momentan mit sehr vielen alleinstehenden Schwangeren zu tun hat, die in den nächsten Tagen oder Wochen entbinden werden und Angst haben sich während der Geburt im Krankenhaus anzustecken oder keine ausreichenden Mittel für die Versorgung ihrer Babys zu haben, wenn das System zusammenbrechen sollte. Bin in diesem Moment sehr froh, das mein Kind bereits fast elf Jahre alt ist und ich nicht schwanger bin.

Während unseres Gespräches tickern unaufhörlich Whatsapp-Nachrichten meiner Familie und Freunde herein, die entweder albern oder besorgniserregend sind. Besonders interessant sind aber die Nachrichten der Männer, mit denen ich mal zusammen war oder die ich gelegentlich treffe. Der Ton hat sich verändert. Ich habe das Gefühl, dass die Krise sie irgendwie weicher gemacht hat. Ich werde höflich und sehr freundlich nach Verabredungen gefragt und erlebe eine ungewohnte Großzügigkeit: Einladungen zum Essen, bezahlte Taxifahrten, echte, interessierte Konversation. Ob es an meiner kürzlich begonnenen Therapie liegt oder der Angst der Männer bald einsam zu sterben, erschließt sich mir an diesem Tag nicht, es fühlt sich aber irgendwie gut an.

Am Abend spreche ich mit einem befreundeten Paar. Menschen, die beide im Dienstleistungsbereich arbeiten und jeden Tag aufgrund des Publikumsverkehrs damit rechnen müssen, angesteckt zu werden. Meine Freundin ist regelrecht wütend, dass alle Bars geschlossen werden, sie als Friseurin, die jeden Tag fremden Menschen sehr nahekommen muss, aber immer noch ihren Job verrichten muss, als wäre nichts passiert. Die Diskussion über Verantwortung anderen gegenüber und dem Sinn und Unsinn selbstgewählter Isolation wird sehr hitzig und macht auch nicht vor einer gemeinsamen Freundin halt, die heute die erste Frühlingssonne mit ihrem Freund aus Spanien in einem Café genossenen hat. Während wir noch über ihr Verhalten sprechen, erscheint ein Post auf Facebook, der circa 100 Menschen in einer Schlange zeigt, die an einer Eisdiele anstehen, um ebenfalls die neue Jahreszeit zu begrüßen. Auch hier scheiden sich die Geister. Darf man das noch? Ich bin am Ende des Gesprächs nicht einmal mehr sicher, ob ich meine engsten Freunde in ihren eigenen vier Wänden treffen sollte, da sie sich selber als Risikogruppe und potenzielle Überträger einstufen. Dass meiner frisierenden Freundin momentan ziemlich egal ist, wie die Haare der Menschen in den kommen Wochen aussehen, ist hierbei nur eine Erkenntnis, die ich an diesem ersten Tag in freiwilliger Quarantäne mache.

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