Corona Krise – Freiwillige Isolation Tag 2

Fakten des Tages:

Amazon sucht 100.000 neue Mitarbeiter, der Einzelhandel schließt bis auf wenige Ausnahmen seine Geschäfte bundesweit, die Bundesregierung spricht eine weltweite Reisewarnung aus, wegen der vielen Anfragen zur drohenden Kurzarbeit sind die Telefone der Jobcenter überlastet, Friedrich Merz wird positiv auf Corona getestet, Berlin plant auf dem Messegelände eine eigene COVID-19 Klinik, die Kanzlerin kündigt eine Rede an die Nation an.

Stand der Infizierten in Deutschland: mehr als 9200 Menschen

Berlin, Dienstag, der 17.03.20 – „Ist Abstand die neue Liebeserklärung“?

Der Tag beginnt sonnig und freundlich. Erstaunlich viele Menschen befinden sich auf der Straße oder sitzen im Café an der Ecke gegenüber. Während ich meinen Kaffee alleine am Fensterbrett trinke, lesen sie Zeitung in der Sonne und unterhalten sich angeregt. Übertreibe ich es etwa mit dem Zuhausebleiben? Auf Facebook scheiden sich auch hier die Geister. Während die einen Videos hochladen in denen der Virus und die von ihm ausgehende Gefahr als übertrieben eingestuft wird, bitten die anderen öffentlich darum, die Lage ernst zu nehmen zu sich freiwillig zu isolieren.

Meine Freundin E. meldet sich gegen 10.00 Uhr und erzählt mir, dass der Friseurladen für den sie tätig ist nun doch in Kurzarbeit geht. Sie befürchtet drastische finanzielle Einbußen und ist froh, dass ihr Lebenspartner durch sein Gehalt die Situation erst einmal auffangen kann. Für ihren Arbeitgeber sieht es da sehr viel schlechter aus. Sollte das Geschäft länger als einen Monat geschlossen werden müssen, würden seine Rücklagen wahrscheinlich nicht ausreichen, um alle Mitarbeiter und Fixkosten bezahlen zu können.

Ich frage mich, was all die Menschen nun tun, die am sogenannten gesellschaftlichen Rand leben oder einer Dienstleistung nachgehen, die ausschließlich auf menschlichem Kontakt beruht. Machen alle Berliner Sexarbeiterinnen jetzt ein Fernstudium in Psychologie? Was wird aus all den Obdachlosen, die ihren Lebensunterhalt mit Schnorren bestreiten, wenn keiner mehr auf die Straße geht? Wie geht es Frauen, die in prekären Verhältnissen oder einem gewalttätigen, häuslichen Umfeld leben und nun gezwungen sind mit prügelnden Cholerikern rund um die Uhr eine Wohnung zu teilen? Wer kümmert sich um die ohnehin schon von Einsamkeit, Krankheit und Altersarmut gezeichneten Rentner?

Diese Fragen würde ich mir gerne von den Toilettenpapier-Hortern beantworten lassen, die zwischen Pastakartons und Konserven sitzend, Serien streamen und Sextoys online ordern, wohlwissend dass die Ersparnisse erstmal ausreichen werden. Apropos Klopapier horten – genauso nervig wie diese Gattung Mensch selbst, ist mittlerweile auch die Flut an redundanten Posts und Videos zum Thema. Ok, wir haben es alle kapiert – wir Deutschen sind ein Volk, dem anale Sauberkeit sehr am Herzen liegt, dem ansonsten aber eine ganze Menge außerhalb des eigenen Radius am „Arsch“ vorbeizugehen scheint.

Am frühen Abend habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Sie freut sich, dass ich trotz Pandemie persönlich erscheine. Wir begrüßen uns dieses Mal aber nur mit einem Fistbumb, der außerhalb der „Bro-Kultur“ irgendwie grotesk erscheint und sitzen weiter auseinander als sonst. Im Gegensatz zu unseren vorherigen Treffen, habe ich heute aber keine Lust mich über meine verflossene Liebe des letzten Jahres auszulassen. Wir sprechen sehr konkret über die Auswirkungen der Pandemie auf mein eigenes Leben und mein soziales Umfeld. Ich ärgere mich fast ein wenig, dass ich meinem neuen, psychisch aufgeräumteren „Ich“ momentan keinen Frühlings-Flirt erlauben kann. Einem anderen Flirt, nämlich den des „sich Kümmerns um Schwächere“ sollten wir aber alle weiterhin eingehen.

Der Gedanke Verantwortung zu zeigen, indem ich bewusst auf Abstand bleibe, wird jäh unterbrochen durch laute Musik und Stimmengewirr aus einem Haus gegenüber. Wahrscheinlich eine der letzten Corona-Parties und ein verzweifelter Versuch die Krise gemeinsam wegzufeiern. Sin City Berlin wird für eine Weile stillstehen. Vielleicht auch länger als uns allen lieb ist. Fuck the fear away war gestern.

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