Corona Krise – Freiwillige Isolation Tag 3

Fakten des Tages:

Noch immer wurde kein Impfstoff gefunden, die Kliniken kämpfen mit Lieferproblemen, der Einzelhandel fürchtet eine Pleite-Welle, Merkel appelliert an unsere Vernunft – verhängt jedoch noch keine Ausgangssperre, die Europäische Zentralbank beschließt ein Notfallprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro

Stand der Infizierten in Deutschland: 12.000 Menschen

Berlin, Mittwoch, der 18.03.20 – „Melancholie und Internetprobleme“

Da ich seit Montag zuhause arbeiten darf und vorher selten Zeit hatte Arzttermine wahrzunehmen, entscheide ich mich gleich morgens eine Vorsorgeuntersuchung bei meiner Gynäkologin zu machen. Um 9.00 Uhr bin ich nur eine von drei Patientinnen. Normalerweise ist die Praxis bereits zu diesem Zeitpunkt gut gefüllt. Ich werde gleich am Eingang aufgefordert meine Hände zu desinfizieren. Die Sprechstundenhilfe ist sichtlich angespannt. Ich darf mit ausreichend Abstand zu einer anderen Patientin im Wartezimmer Platz nehmen. Auf das Blättern in den ausgelegten Magazinen verzichte ich heute bewusst, auch wenn es schwerfällt dem offerierten Gossip zu wiederstehen. Safty first! Schon nach 15 Minuten bin ich dran und bereits nach weiteren 15 Minuten wieder auf dem Weg nach Hause.

Das milde Wetter gaukelt einen beginnenden Frühlingstag vor, wie ich ihn schon dutzende Male erlebt habe. Nur das dieses Mal keine wirkliche Vorfreude mehr auf die warme Jahreszeit aufkommen möchte. Jede Reise, jedes Treffen mit Freunden muss erstmal auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden. Ein Leben von Tag zu Tag ersetzt die langfristige Planung von Terminen und Ereignissen und macht auch in mir einer neuen Verunsicherung Platz. Das Alte und Gewohnte scheint unwiederbringlich vorbei und hinterlässt eine Melancholie, die mich wie ein Kind wünschen lässt, noch einmal die Zeit zurückdrehen zu können. Dahin wo alles gut war.

Aber war es denn wirklich gut oder haben wir in unserer Erste-Welt-Blase immer in einer Pseudo-Zuversicht gelebt, die nur durch den Verzicht und das Leid anderer aufrechterhalten wurde? Die Fragilität unseres Systems wird auf einmal sichtbar, das sogenannte Normale brüchig, unser Wohlstand vielleicht nur ein wackeliges Konstrukt auf Zeit. Wir verbrennen uns zum ersten Mal die Füße beim Tanz auf dem Vulkan und reagieren mit Verdrängung und Selbstmitleid, wo längst Taten hätten erfolgen müssen.

Am Mittag habe ich einen Gruppenchat mit meinen Arbeitskollegen. Es tut gut sich für eine Weile mit den Themen unseres Tagesgeschäftes zu befassen. Auch wenn sich unsere Tätigkeit in Anbetracht der Situation plötzlich irgendwie banaler anfühlt als sonst. Meine Internetverbindung bricht während unseres Gespräches mehrfach ab. Die freiwillige Quarantäne sorgt für noch mehr Traffic im Netz und veranlasst viele Menschen große Datenmengen wie Spiele und Filme zu downloaden, um im Falle einer Verknappung unserer digitalen Ressourcen noch ausreichend Bespaßungsmaterial auf der lokalen Festplatte zur Verfügung zu haben.

Die permanente Ablenkung des Intellekts scheint bedroht durch die Unausweichlichkeit der Erkenntnis, dass wir schon viel zu lange die Augen vor der Wahrheit verschließen: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und nach der haben wir alle vielleicht viel zu lange geschnappt ohne sie zu teilen.

Die Ansprache der Kanzlerin am Abend schaue ich gemeinsam mit meiner Schwester und ihrem Lebensgefährten. Meine Tochter langweilt sich sichtlich und möchte endlich das angefangene Brettspiel fortführen. Während Merkel spricht, bemerke ich eine ungewohnte Schwere im Raum. Unsere Albernheit der letzten Stunde weicht wieder der kollektiven Unsicherheit, die mit jedem Tag der andauernden Krise zunimmt.

 

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